Zwei Wochen im Healthcenter Buniadu

Welcome to the Gambia – Einstieg

Erfahrungsbericht von Dr.med. Markus Schopp, Bremen

„welcome to the Gambia, the smiling coast of africa“, so werden die Touristen immer wieder von den zahlreichen jungen Männern mit den durchtrainierten Körpern begrüßt, die dem europäischen Reisenden ihre Begleitung und jede nur denkbare Dienstleistung anbieten, vor allem, wenn es sich um weibliche Reisende handelt.
Doch mein Ziel war nicht das Gambia der traumhaften Sandstrände, der luxuriösen Hotelanlagen und der aufdringlichen selbsternannten „touristguides“.
Mein Ziel war das ruhige ländliche Gambia abseits der Touristenregionen. Auf der Nordseite des Flusses gibt es nichts von alldem. Ab 19 Uhr ist es stockfinster, Wasser muss überall vom Brunnen geholt werden und Touristen sind eine äußerst selten anzutreffende Spezies Mensch. Daher bleiben dem den noch hier auftauchenden Europäer die negativen Begleiter des Tourismus wie bettelnde Kinder und aufdringliche und im Zweifelsfall bekiffte junge Männer erspart.
Und hier bekommt dann das Wort von der „smiling coast“ eine ganz eigene Bedeutung: die Freundlichkeit, Fröhlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen in diesem armen und rückständigen Teil des Landes ist unvergleichlich. Noch nie habe ich meine (rechte) Hand in so viele Schüsseln mit Reis und Fisch und Soße zum Probieren stecken müssen wie in dem kleinen Dorf Buniadu, wo ich im November 2012 zwei Wochen zur Mitarbeit im RDI Gesundheitszentrum verbracht habe.

Der Weg ist das Ziel (manchmal) – Anreise

Die größte Schwierigkeit, wenn man die Region nördlich des Gambia- Flusses besuchen will, ist das Überqueren des Flusses. Und wenn wie an jenem Sonntag, als ich von Bakau kommend nach Barra übersetzen wollte, von drei regulären Fähren zwei außer Betrieb sind, kann die Wartezeit schon mal etwas länger aus fallen. In meinem Fall konnten wir noch von Glück reden, als wir nach fünf Stunden Wartezeit doch noch auf die abfahrbereite und schon heillos überladene Fähre rollen durften. Die erste Stunde der Wartezeit war mit Beobachtung des Treibens am Fähranleger schnell vorüber, doch dann wurde es irgendwann nicht nur annähernd 40 Grad heiß, sondern auch mental etwas anstrengend. Schattenplätze waren rar.
Die eigentliche Fährfahrt dauerte etwa 40 Minuten, und eine viertel Stunde später hatte ich Buniadu erreicht. Wie wohltuend hier dann die Begrüßung durch Heike und Heiner mit kaltem Bier und einer wohlschmeckenden Suppe.

Salaam aleikum – Leben im afrikanischen Dorf

Durch ein Eisentor gelangt man auf das von einer hohen Mauer eingefriedete Grundstück, wo Dembo mit seiner Mutter, seinen zwei Frauen und zahlreichen Kindern lebt. Und hier steht uns in einem der den Hof begrenzenden Häuser eine kleine Wohnung zur Verfügung.

 

Durch ein Eisentor gelangt man auf das von einer hohen Mauer eingefriedete Grundstück, wo Dembo mit seiner Mutter, seinen zwei Frauen und zahlreichen Kindern lebt. Und hier steht uns in einem der den Hof begrenzenden Häuser eine kleine Wohnung zur Verfügung.
Von einem (ungenutzten) Wohnzimmer gehen zwei kleine Schlafzimmer ab, von denen aus wiederum ein kleiner Innenhof mit Zugang zu den Sanitärräumen erreichbar ist.
Sanitärräume bedeutet in diesem Fall zum einen ein Raum mit in den Boden eingelassener Steh- oder Hocktoilette und zum anderen ein Raum mit Wasserabfluss in der Mitte, wo mit Hilfe einer Plastikwanne und eines Bechers „geduscht“ werden kann.
Wasser vom Brunnen wird uns von der Familie in 20-ltr-Gallonen zur Verfügung gestellt. Welch ein Hochgenuss, sich am Nachmittag kaltes Wasser mit dem Becher über den verschwitzten Kopf zu gießen! Abends werden hier erst einmal die Frösche vertrieben, für manch einen ist „froschfreies Pullern“ ein Bedürfnis.
Andere kleine Tiere werden mit Insektenspray und einem Moskitonetz auf Distanz gehalten.
Die Geräuschkulisse am frühen Morgen ist eher ungewohnt: beim Fegen des Hofes scherzende Frauen, zwei ab und an schrecklich schreiende Esel, fleißig krähende Hähne und tausende Vögel produzieren einen ganz speziellen Geräuschteppich, der von den Hirse-stampfenden Frauen seinen Rhythmus erhält. Vom Gebetsruf des Muezzins um 5.15 Uhr ganz zu schweigen.

Nach einem ersten Kaffee und einigen Keksen beginnt dann kurz vor 8 Uhr auf dem Weg zum health-center die allmorgendliche Begrüßerei. Und je nachdem, wie vielen Dorfbewohnern man erzählen muss, dass es einem an diesem Morgen ganz hervorragend geht, kann das schon mal ein Weilchen dauern. Am Nachmittag dann das gleiche Spielchen rückwärts. Nach zwei Wochen ist man im Dorf bekannt. Die Kinder rufen dem Toubab (Weißen) seinen Namen hinterher, und die Alten erheben sich aus ihren Stühlen für einen kleinen Plausch. Die Abende waren geprägt von netten Gesprächen mit Heiner und Heike am großen Feuer, das die Beiden allabendlich, auf dem Platz zwischen ihrem und dem Nachbarhaus, entzünden. Dort wohnt eine Familie aus dem Senegal. Sidi hütet eine in der Nähe grasende Kuhherde, Awa kocht für sich, ihren Mann und die sechs Kinder abends Couscous, und wenn es eine besonders leckere Soße gibt, werden wir zum Probieren eingeladen.


Gegen 22 Uhr heißt es dann: Taschenlampe an und durch den tiefen Sand der Wege zurück zur Unterkunft. Arbeit im health-center
Die Gesundheitsstation in Buniadu wurde 1999 von Holländern erbaut, verfiel dann aber schnell wieder, bis 2007 der Verein RIVERBOAT-DOCORS-INTERNATIONAL e.V. sich ihrer annahmen.
Inzwischen hat sich vieles geändert; neues Dach, Solaranlage, Tiefbrunnen für sauberes Trinkwasser und eine medizinische Behandlung, die sich aufgrund ihrer Qualität und ihrer Zugewandtheit einen so guten Ruf erworben hat, dass Patienten aus 50 km entfernten Dörfern kommen, auch wenn eine der staatlichen Gesundheitsstationen wesentlich leichter zu erreichen wäre. So hat das health-center in seiner jetzigen Ausstattung seine Kapazitätsgrenzen bereits erreicht. Daher war Heike, die bis dato die Behandlung weitgehend allein mit der Unterstützung einiger angelernter einheimischer Mitarbeiter bewältigen musste, über die Entlastung durch einen deutschen Arzt sehr froh.

 

Aufgrund meiner Erfahrung mit Medizin in Afrika war keine große Einarbeitungszeit nötig. Heike und ich wurden schnell ein gutes Team. Nun hat diese Arbeit natürlich keinerlei Ähnlichkeit mit dem Geschehen in einer deutschen Hausarztpraxis. Labor – Fehlanzeige, Ultraschall, EKG, Röntgen – ebenso. Für diese Untersuchungen muss der Patient den beschwerlichen Weg über den Fluss in die Hauptstadt auf sich nehmen.

 

So bleiben dem Arzt in der Hauptsache neben den oft blumigen Schilderungen der Patienten die eigenen Augen, Ohren Nase und Hände für die Entscheidung über Diagnose und Therapie. Dank europäischer Spendengelder ist dann eine sinnvolle Therapie möglich.

 

Zur Zeit meines Besuches wurden im health-center fünfzehn stark untergewichtige Kinder mit Zusatznahrung aufgepäppelt. Pro Kind kostet das den Verein 12,50 € monatlich, da qualitativ hochwertige Zusatznahrung vor Ort schwer zu beschaffen ist.

 

Medikamente sind dank Spenden z.B. von Aktion Medeor zumindest für die Basisversorgung vorhanden. Die insgesamt acht einheimischen Mitarbeiter von der Dolmetscherin bis zum Wachmann werden aus in Europa gesammelten Spendengeldern bezahlt, wobei der Verdienst z.B. meiner Assistentin, die für mich übersetzte, aber auch bei kleinen chirurgischen Eingriffen half und selbständig Verbände anlegte, bei bescheidenen 30 Euro monatlich liegt.


Die Zukunft des Gesundheitszentrum Buniadu wird davon abhängen, wieweit es gelingt, den erreichten Qualitätsstandard mit einheimischen Mitarbeitern sicher zu etablieren und weiter auszubauen, wozu bauliche Maßnahmen (Erweiterung der Behandlungsräume, Einrichtung eines Basislabors etc.), aber auch die freiwillige und unentgeltliche Mitarbeit weiterer europäischer Gesundheitsexperten und Techniker erforderlich sein werden. Die zu behandelnden Krankheitsbilder unterscheiden sich natürlich vom gewohnten Spektrum eines europäischen Arztes: Malaria, Wurmerkrankungen, ausgedehnte Hautinfektionen und sexuell übertragbare Krankheiten nehmen neben den weltweit verbreiteten Erkrankungen wie Gastritis, Bluthochdruck und Diabetes einen großen Raum ein.
Und immer wieder schrecklich infizierte Verletzungen und Verbrennungen. Während meiner Zeit in Buniadu haben wir z.B. täglich darum gekämpft, dass der bis in tiefste Gewebeschichten vereiterten Fuß eines jungen Mannes, der auf einen glühend heißen Automotor gestiegen war, nicht amputiert werden muss. Und der junge Mann, der im Rollstuhl sitzt, weil sich in seinem Oberschenkelbruch ein Pseudogelenk entwickelt hat, welches das Bein völlig instabil macht. Er brachte mir ein Röntgenbild, das vor einem Jahr in Dakar im Senegal aufgenommen war und das eine schräg im Gewebe ohne jeden Knochenkontakt liegende Metallplatte zeigte. Leider sprach der junge Mann nicht französisch, sodass er von den Erklärungen der senegalesischen Ärzte nichts verstand. Ich konnte ihm die im Arztbrief ausgesprochenen Empfehlungen vom französischen ins englische und mit der Hilfe meiner Übersetzerin ins Mandinka übersetzen und ihm erklären, dass er sich erneut in der Universitätsklinik von Dakar zur Operation vorstellen soll. Und die junge Frau, die nach zwei Fehlgeburten von ihrem Mann verstoßen wurde, weil seine Erstfrau ihm ein Kind nach dem anderen schenkt. Und, und, und

Trotz dieser teilweise bedrückenden Schicksale habe ich die Arbeit im health-center Buniadu als sehr befriedigend empfunden. Und wenn es erreichbar ist, dass weiterhin viele Europäer durch ihre Sach- und Geldspenden die Arbeit des Vereins RDI unterstützen, wird es langfristig möglich sein, einen wesentlichen Beitrag zu leisten zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation dieser so liebenswerten bettelarmen Menschen in diesem kleinen Teil Afrikas.

 

Atcha-atcha – Wochenendbesuch bei Kunta Kinte

Der einzige Ort auf der Nordseite des Gambia-Flusses, der einigermaßen regelmäßig von Touristen auf dem Land- oder Wasserweg heimgesucht wird, ist Albreda mit der vorgelagerten Flussinsel James-Island, wo neben tausenden anderer Sklaven auch Kunta Kinte (Roots) gefangen gehalten worden war. Hierher haben dann Ramona, die gleichzeitig mit mir im health-center arbeitende Berliner Elektromeisterin, und ich einen Wochenendausflug unternommen. In einer hübschen kleinen Lodge konnten wir unterkommen und im einzigen Restaurant am Bootsanleger abends bei Kerzenschein hervorragende Krabben genießen. Nur hatten die Kinder hier schon das Betteln gelernt. Da half dann nur ein energisches „Atcha-atcha!“, zu deutsch schlicht: „Hau ab!“

Kulturschock – Rückreise

Nach umfangreichen Abschiedsumarmungen (please, please come back!) folgte das unvermeidliche Fährenchaos. Diesmal mussten wir nach vier Stunden Wartezeit unser Auto auf der Nordseite zurücklassen, um als Fußpassagiere die letzte Fähre erreichen zu können, die Ramona ein pünktliches Eintreffen am Flughafen ermöglichen würde.
Ich selbst hatte mir noch für zwei Tage ein Zimmer im luxuriösen Oceanbay- Hotel reserviert, um am Strand vor der Heimreise noch etwas entspannen zu können. Und dann kam er, der Kulturschock. Nicht die vielen weißhäutigen oder krebsroten Engländer am Pool, sondern das Frühstücksbüffet mit seinem Überangebot. Hatten wir in Buniadu oft nicht das kleinste Stückchen Gemüse ergattern können, weil die Marktstände einfach leer waren, fand sich hier alles, von Wurst über Obst bis hin zu Kuchen in den verschiedensten Variationen.
Nun, dieser Kulturschock wird schnell vergessen sein, die vielen intensiven Eindrücke aus Buniadu dagegen mit Sicherheit nicht. Und: „Surely I’ll come back!“